Foto: az Aargauer Zeitung

Aargau

Autokönig Santoro kommt vor Gericht

Die Staatsanwaltschaft wird nach über sechs Jahren Ermittlungen Anklage gegen Riccardo Santoro erheben. Der Autohändler hatte Luxus-Karossen zu aussergewöhnlichen Konditionen verleast.

350. So viele Bundesordner füllt die Leasingpleite der SAR Premium Cars AG bei der Aargauer Staatsanwaltschaft. Der Autohändler Riccardo Santoro soll Fahrzeuge im Wert von 22 Millionen Franken veruntreut haben. Eine andere eindrückliche Zahl: 6,5. So viele Jahre ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits gegen Santoro. SAR Premium Cars ist damit nebst dem ASE-Anlagebetrug einer der grössten Fälle von Wirtschaftskriminalität im Aargau.

Jetzt wird bekannt: Die Staatsanwaltschaft hat die Strafuntersuchung gegen Santoro abgeschlossen. «Wir gehen davon aus, dass wir demnächst Anklage erheben können», sagt Sprecherin Fiona Strebel auf Anfrage der AZ. Die Staatsanwaltschaft wirft Riccardo Santoro Veruntreuung, Betrug, Urkundenfälschung, Misswirtschaft sowie ungetreue Geschäftsbesorgung vor.

Rund 60 Autos abtransportiert
Der Fall ist nicht nur von grosser Tragweite, er liest sich auch wie ein Wirtschaftskrimi. Ein Krimi, der seit 2011 mehrfach für Schlagzeilen sorgte. Spektakulär war der 25. Mai 2011: Eine Kolonne von 17 mächtigen Sattelschleppern rollte auf den Parkplatz der SAR Premium Cars. Männer in Anzügen rannten mit Listen zwischen Autos hin und her. Santoros Kunden staunten: Rund 60 Luxuskarossen wurden abtransportiert.

<p>Mai 2011: Santoros Autos werden abtransportiert.</p>

Mai 2011: Santoros Autos werden abtransportiert.

Foto: az Aargauer Zeitung

Auftraggeberin war Fidis Finance SA. Die Leasinggesellschaft des Fiat-Konzerns brach damit Knall auf Fall mit Geschäftspartner Santoro. Fidis hatte jahrelang Autos von Santoro gekauft und diese seinen Kunden gegen monatliche Rate verleast.

Ein gängiges Geschäftsmodell, das Santoro seinen Kunden mit einem Zückerchen versüsste: Wer bei SAR Premium Cars einen Bentley bezog, durfte diesen lange vor Ablauf des Drei-Jahres-Vertrags gegen einen anderen Flitzer tauschen. Ein Eldorado für schnell gelangweilte Liebhaber exklusiver Boliden.

Dieses Leasingmodell lockte Promis, Unternehmer und Sportler aus der ganzen Schweiz nach Dintikon. 2011 peilte SAR Premium Cars einen Umsatz von 250 Millionen an. Die Konkurrenz zerbrach sich den Kopf, wie diese Rechnung aufgeht.

Fidis Finance wusste jedoch laut eigenen Aussagen nichts von den vorzeitigen Fahrzeugwechseln. Die Leasinggesellschaft zog deshalb SAR Premium Cars 2011 mit dem Abtransport der Autos den Stecker. Fidis reichte Strafanzeige gegen Santoro ein. Hauptvorwurf: Veruntreuung von 190 Autos im Wert von rund 22 Millionen Franken.

Schnüffler stellten Santoros Kunden nach
Dann brach Chaos aus. Fidis Finance suchte in der ganzen Schweiz ihre Fahrzeuge, teilweise mit speziellen Methoden: Privatdetektive stellten SAR-Kunden nach. Die AZ dokumentierte 2011 mehrere Vorfälle: In einem Fall betrat ein Detektiv das Grundstück eines SAR-Kunden und fotografierte ein Auto. Es kam zum Handgemenge mit einem Handwerker, dem Detektiv fiel eine Pistole aus der Tasche.

SAR-Kunden ärgerten sich zudem über Fidis-Rechnungen für Autos, die sie bei Santoro vorzeitig zurückgegeben und gegen ein anderes Fahrzeug eingetauscht hatten.

Gleichzeitig wuchs bei der Staatsanwaltschaft der Aktenberg. 2012, ein Jahr nach dem Kollaps der SAR Premium Cars, lagen rund 60 Strafanzeigen vor. Die Staatsanwaltschaft bearbeitete zu diesem Zeitpunkt 17 Strafverfahren mit über 40 beteiligten Anwälten. Das brachte die Staatsanwaltschaft an den Rande des Kollaps – auch, weil gleichzeitig Fälle der früheren Bezirksämter abgearbeitet werden mussten.

Santoro massiv bedroht
Der Grosse Rat bewilligte der Staatsanwaltschaft mehr Personal für die SAR-Leasingpleite. Im Juli 2012 versteigerte die Staatsanwaltschaft dann 40 beschlagnahmte Fahrzeuge, weil diese an Wert verloren. Das Geld kam auf ein Sperrkonto. Wem die Autos gehören, war dazumal unklar.

Brenzlig wurde es für Riccardo Santoro: Er werde lebendig begraben, drohte ihm ein Geschäftspartner. Ein anderer liess durchblicken, dass er den Schulweg seiner Tochter kenne. «Meine Familie ist deshalb im Ausland», sagte Santoro zwei Monate nach dem SAR-Kollaps der AZ. Damals wurde er in Wohlen mit einem Bodyguard gesehen. Er selbst sei manchmal mit einem Aufpasser unterwegs, sagte Santoro dazu.

Spannung vor Gerichtstermin
Riccardo Santoro verkauft heute Autos in Italien – dies mit dem Segen der Staatsanwaltschaft. Seine Villa in Dottikon wurde versteigert. Der noch unbekannte Gerichtstermin wird Santoro wieder in den Aargau führen. Das Urteil dürften die Geschädigten mit Spannung erwarten. In erster Linie ist dies laut Staatsanwaltschaft Fidis Finance, gefolgt von weiteren Leasinggesellschaften. Unter den Geschädigten seien auch viele Kunden der SAR Premium Cars.

Quelle: az Aargauer Zeitung / Radio Argovia 18.10.2017

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