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Foto: Unsplash
Tattookunst

Vom Nischenprodukt zum Mainstream-Phänomen

Tattoos gibt es nahezu so lange, wie es uns Menschen gibt. Während diese in der Eiszeit in erster Linie der Schmerzlinderung dienten, gelten Tattoos heute als Massenphänomen. Was steckt hinter dieser uralten Tradition?

Sie galt als eine der schönsten und mächtigsten Frauen ihrer Zeit: Elisabeth, Kaiserin von Österreich, genannt Sisi, achtete penibel auf ihr Äusseres. Sie trieb exzessiv Sport, machte ständig Diäten und auf ihrer Schulter prangte ein grosser, schwarzer Anker. Schon damals, vor rund 150 Jahren, waren die Menschen besessen davon, ihre Körper zu optimieren und zu dekorieren - und das quer durch alle Kulturen und Gesellschaftsschichten. Wenn wir allerdings über den Ursprung der Tattookunst sprechen wollen, müssen wir den Blick deutlich weiter in die Vergangenheit richten.

Ötzi, der erste und wahre Tattoomann

Die Geschichte der Tätowierungen führt uns rund 5000 Jahre zurück in die Eiszeit. Ötzi der Eismann, dessen Mumie 1991 zwischen der österreichischen und italienischen Grenze gefunden wurde, gilt heute als einer der ersten, tätowierten Menschen. Allerdings hatten Ötzis strichartige Motive mehr einen praktischen als einen ästhetischen Zweck. Denn die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Körperbemalungen von damals der Schmerzlinderung dienten - ähnlich wie die Akupunktur heute.

Seitdem sind Tätowierungen auf der ganzen Welt entdeckt worden. Von kunstvoll verzierten Mumien im alten Ägypten bis hin zu europäischen Seefahrern, die auf ihren Reisen durch den Südpazifik Tattoos als Andenken sammelten, verbreitete sich das Phänomen über den ganzen Kontinent. Anfang des 20. Jahrhunderts dann der erste, regelrechte Boom: Menschen aus allen Schichten - ja selbst feine Damen - standen Schlange, um ihre Körper mit diversen Motiven zu zieren. Mit dem zweiten Weltkrieg änderte sich alles, auch die allgemeine Begeisterung für Tattoos. Selbst als der Krieg 1945 zu Ende war, blieb das verruchte, ordinäre Image der einst so beliebten Körperkunst bestehen.

Das ändert sich erst rund 30 Jahre später, als sich in den späten 60er und frühen 70er Jahren immer mehr Jugendliche in Subkulturen vereinen. Während der «68er-Bewegung» wenden sich vorrangig Studenten gezielt von den vorherrschenden, bürgerlichen Idealen ab und entwickeln eigene Ideologien. Tätowierungen etablieren sich dabei zu einem wesentlichen Bestandteil dieses subkulturellen Ausdrucks und spiegeln eine Suche nach Identität – unabhängig von Klischees und eingefahrenen Meinungen.

Lasst euch keine Billig-Tattoos stechen!

Heute ist in der Schweiz im Durchschnitt jeder Fünfte tätowiert, bei den jüngeren sogar jeder zweite. Manche gehen zum Tätowierer wie zum Coiffeur; statt aber der Frisur eines Filmstars, sind Engelsflügel, wie sie Justin Bieber hat, oder ein Bengalischer Tiger à la Angelina Jolie angesagt. Auch immer mehr Leute bestellen sich für wenig Geld eine Tätowiermaschine im Internet und legen selber Hand an - nicht selten mit fatalen Folgen.

Viele bereuen die irgendwann einmal unter die Haut gestochenen Motive oder Schriftzüge. Sei dies, weil das einst total angesagte Tattoo zehn Jahre später aus der Mode gekommen ist, der damalige Partner, dessen Name unter die Haut geritzt wurde, mittlerweile der Ex-Partner ist oder einfach, weil man sich im Laufe des Lebens entwickelt und nicht mehr dieselben Dinge schön findet. In einem solchen Fall bleiben den Betroffenen zwei Optionen: Entweder kann das ungewollte Tattoo mittels einer teuren und langwierigen Laserbehandlung entfernt werden, oder man sucht erneut den Weg zum Tätowierer, um ein neues Motiv über das alte zu stechen.

Patrick Huber ist Inhaber des Kunststich Tattooladens in Aarau und er erzählt gegenüber Radio Argovia, dass er wöchentlich rund zwei bis drei solcher «Cover-Up-Tattoos» durchführe. Besonders häufig übersteche er Namen von Expartnern oder aus der Mode gekommene Symbole. Damit es gar nicht erst so weit komme, rät Huber, sich gut zu überlegen, was man sich unter die Haut steche: «Über ein nicht ganz perfektes, kleines Ferientattoo kann man eher noch hinwegsehen, als wenn beispielsweise der ganze Oberarm tätowiert ist und man danach merkt, dass es einem gar nicht gefällt.» Auch solle man aufpassen, wenn der Preis zu niedrig angesetzt ist: «Wenn dir jemand ein Tattoo für 50 Franken oder so anbietet, lass die Finger davon!»

veröffentlicht: 16. April 2021 07:00
aktualisiert: 16. April 2021 09:26