Philipp Müller
Philipp Müller
Foto: Keystone
Schweiz

Das Rentenalter soll flexibilisiert oder gar ganz abgeschafft werden

Genau das fordert der abtretende Aargauer FDP-Ständerat Philipp Müller. Er sieht darin eine Chance, die festgefahrene Pensionskassendiskussion wieder in Fahrt zu bringen.

FDP-Ständerat Philipp Müller tritt nach vier Jahren im Stöckli mit einer ungewöhnlichen Forderung ab: «Man könnte beispielsweise das Rentenalter total flexibilisieren oder gleich ganz abschaffen!» Das sagte der Aargauer in einem Interview gegenüber dem Blick. Der Aussage vorausgegangen war die Feststellung, dass Arbeitnehmer über 50 nur sehr schwer einen neuen Job finden. Den Grund sieht Müller in den hohen Lohnnebenkosten. Als die Pensionskasse 1985 für obligatorisch erklärt wurde, wollte man älteren Arbeitnehmenden mit einem höheren Beitragssatz von 18 Prozent entgegenkommen. Bei Jüngeren lag dieser bei 7 Prozent. Was damals richtig gewesen sei, mache heute keinen Sinn mehr. Es brauche eine Reform, so Müller. Nicht zuletzt, um die Pensionskasse retten zu können.

Eine Erhöhung des Rentenalters sei angesichts der Schwierigkeiten für ältere Arbeitnehmende auf dem Jobmarkt illusorisch. Die Krux: Ohne Rentenerhöhung koste die Sanierung der AHV eben auch viele Milliarden. Eine Angleichung der oben erwähnten Beitragssätze für jüngere und ältere Arbeitnehmende genüge nicht, so Müller. Und dann folgte der eingangs zitierte Satz, der als Hinterlassenschaft Müllers noch zu reden geben könnte.

Müllers Überlegung: «Warum sollen ein Maurer und ein Bürolist im selben Alter aufhören müssen? Warum muss eine topfitte Frau gleichzeitig mit einer gesundheitlich angeschlagenen in Rente gehen? Sollen solche, die mit 16 in die Lehre kamen und seit da gearbeitet haben, und jene, die nach dem Studium erst mit 30 eine bezahlte Stelle annahmen, zum selben Zeitpunkt in Pension gehen müssen?» Und weiter: «Man muss das alles endlich hinterfragen. Auch Überlegungen zu einer ‹Lebensarbeitszeit› gehören dazu.» Und: Müller sinniert über ein Mindestrentenalter, ab dem der letzte Lebensabschnitt individuell gestaltet werden kann.

Die Idee eines flexiblen Rentenalters ist nicht neu. SP und Grüne weibeln seit Jahren dafür. Zudem: Das flexible Rentenalter ist auch in den Positionspapieren der Freisinnigen nachzulesen. Neu ist, sie so konkret aus dem Munde von Philipp Müller zu vernehmen. Denn Müller ist kein Sozialpolitiker. Als Mann von Finanz und Wirtschaft lagen ihm die Unternehmen und damit die Arbeitgeber näher – und die Aussenpolitik. Dass sich Müller mit dem Thema vorwagt, hängt wohl auch damit zusammen, dass er als abtretender Ständerat das Thema nicht mehr aushandeln muss.

Um die Nachfolge von Philipp Müller kämpft Marianne Binder. Vor wenigen Tagen hatte die CVP-Ständeratskandidatin ebenfalls eine Schlagzeile zum Thema produziert, als sie auf dem Wahlpodium in Baden Rentenalter 67 für Mann und Frau forderte. Ihre Überlegung: «Unser Sozialstaat muss auch für unsere Enkelkinder gerecht sein.» Paradox sei nicht die Erhöhung des Rentenalters, sondern die Frühpensionierung qualifizierter Arbeitskräfte. Binder überbietet mit ihrer Forderung die Absicht des Bundesrats, das Rentenalter für alle bei 65 Jahren festzulegen – womit Frauen ein Jahr länger arbeiten müssten.

Eine Erhöhung des Rentenalters ist in der Schweiz aber nicht populär und wurde an der Urne wiederholt abgelehnt. Die Flexibilisierung des Rentenalters wird deshalb von vielen Politikern als möglicher Ausweg angesehen.

Quelle: Aargauer Zeitung