Der Parkplatz beim Schwulewäldli zwischen Mägenwil und Birrfeld

Foto: André Sauser

Sex im Aargau

Die Wahrheit über das «Schwulewäldli»

Es ist einer der grössten Mythen im Kanton Aargau: Das «Schwulewäldli». André Sauser war mehrmals im Waldstück zwischen Mägenwil und dem Birrfeld und hat mit Männern gesprochen, die den Treffpunkt besuchen.

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Fast jeder im Aargau kennt das «Schwulewäldli». Schon früher fragte ich mich bei der Autofahrt durch das Waldstück auf dem Birrfeld, ob der Mythos stimmt, dass dort Männer miteinander Sex haben.

Um die Wahrheit über das «Schwulewäldli» zu erfahren, plante ich im Herbst 2018 eine Erkundung: Bereits fünf Kilometer vor dem Schwulewäldli war ich merklich nervös. Schliesslich wusste ich nicht genau, was auf mich zukommt. Was passiert in diesem Waldstück genau? Gibt es überhaupt Männer dort? Wenn ja: Wie reagieren sie auf mich? Haben sie Sex?
All diese Fragen gingen mir während der Fahrt durch den Kopf - und ich wollte diese nun endlich beantwortet haben. 

Mit dem Mikrofon im «Schwulewäldli»

Das bekannteste Waldstück im Kanton Aargau liegt unmittelbar bei der Autobahneinfahrt Mägenwil und nur wenige Gehminuten vom Bahnhof Birr entfernt. Die Hauptstrasse führt durch das «Schwulewäldli». Der Parkplatz beim Waldstück war gut besetzt. 

Ich packte mein Mikrofon und lief in den Wald. Schon nach wenigen Schritten sah ich drei Männer, die nicht weit voneinander entfernt waren. Der Eine sass auf einem Baumstrunk, der Andere blickte an einem Baum lehnend um sich und der Dritte spazierte umher. 

Einige Meter weiter bemerkte ich, dass ein anderer Mann mit mir Kontakt aufnehmen wollte. Er tat dies nicht verbal, sondern mit seiner Mimik und Gestik. Etwas nervös aber respektvoll ignorierte ich seine Blicke und vermutete, dass hier wohl selten ein Mann wie ich ins Waldstück kommt, ohne Sex zu suchen. 

Kurz darauf kam mir ein gepflegter Mann in dunkler Hose und Jeansjacke entgegen. Er schien ungefähr 55 Jahre alt. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach ihn an. Seine offene Art überraschte mich sehr, denn die Bestätigung kam relativ zügig. Während diesem kurzen Gespräch offenbarte er mir, dass er hier den schnellen und anonymen Sex bekommt.

Obwohl er keine Mühe hatte, mir über sein Geheimnis zu erzählen, wollte er mir nicht verraten, ob er Zuhause mit einer Frau oder einem Mann in einer Beziehung ist. Da seine Mittagspause bald vorüber war, beendete er das Gespräch freundlich und lief in Richtung Parkplatz davon. 

Reportage aus dem «Schwulewäldli»
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Offene Gespräche über Triebe und Fantasien

Eine Woche später fuhr ich erneut ins «Schwulewäldli» und suchte für meine Reportage einen Mann, der bereit war bei eingeschaltetem Mikrofon über sich und das «Schwulewäldli» zu reden. An diesem Tag war der Betrieb während der Mittagspause wieder ziemlich rege. Die angesprochenen Männer hatten meistens kein Problem mit mir über ihre Triebe, Fantasien und Erlebnisse im Wald zu sprechen. Den Mut die ehrlichen Antworten am Mikrofon aufzuzeichnen, hatte jedoch keiner – bis Tom kam. 

Tom ist 58 Jahre alt, in der Nähe des «Schwulewäldli» aufgewachsen und seit einigen Jahren in einer offenen Beziehung mit seinem Freund. Als er vor 40 Jahren das erste mal im Waldstück war, bemerkte er ziemlich schnell, dass an diesem Ort die unterschiedlichsten Männer den einfachen anonymen Sex suchen. Mittlerweile lebt er im Ausland und besucht das «Schwulewäldli» jeweils bei einem Aufenthalt in der Schweiz. Dieser einzigartige Ort fasziniere ihn. Dass der Freund von Tom nicht weiss, wo er den Sex holt, scheint kein Problem zu sein.

Tom erzählt von den Besuchen im «Schwulenwäldi»
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Auch ein Treffpunkt für verheiratete Männer

Toms Bestätigung, dass auch verheiratete Männer im «Schwulewäldli» ein- und ausgehen, überrascht nicht. Immer wieder trifft man mitten im Wald auch sehr gut gekleidete Männer, die teilweise im Anzug erscheinen. Mein eindrücklichstes Erlebnis war als ein Mann, circa 65 Jahre alt, splitterfasernackt unterwegs war. Er spielte schamlos mit seinem Glied und wartete darauf, angesprochen zu werden.

Das «Schwulewäldli» ist weit über die Kantonsgrenze hinaus bekannt. Das zeigen die Autokennzeichen der Autos, die vor dem Waldabschnitt parkiert sind. Die Autos sind aus aus den verschiedensten Kantonen der Schweiz. Teilweise kommen Männer sogar aus dem Ausland um anonymen Sex an diesem aussergewöhnlichen Ort zu haben. 

«Dieser Ort sollte respektiert werden»

Ich kann den Mythos ums «Schwulewäldli» bestätigen. Ob Sommer, Winter, abends oder morgens: Im Waldstück zwischen Mägenwil und Birrfeld leben die meisten Herren ihren Trieb aus, den sie zuhause beim Partner oder der Partnerin nicht ausleben können. Das Gerücht, dass eine Matratze im Wald liegt, kann ich nicht bestätigen. Laut den Erzählungen vergnügen sich die Männer in den Büschen und dem Dickicht.

Für schwule Männer, die sich im Alltag nicht immer ausleben können, spielt dieser Zufluchtsort eine extrem wichtige Rolle. Viele Männer können im «Schwulewäldli» sich selbst sein. Unabhängig welchen Alters. 

Für mich war es sehr eindrücklich und spannend, die versteckten Geschichte um das bekannteste Waldstück im Kanton Aargau kennenzulernen. Dieser aussergewöhnliche Ort sollte meiner Meinung nach von jedem respektiert werden. 

André Sauser auf Reportage im «Schwulewäldli»

Eine weitere Reportage aus dem «Schwulenwäldli» findet Ihr hier.  

André Sauser

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