Foto: Keystone

SCHWEIZ

«Zum Glück haben wir nach dir kein Kind mehr bekommen!»

Die Zahl der Kindsmisshandlungen in der Schweiz hat im letzten Jahr massiv zugenommen. Insgesamt registrierten die Kinderspitäler 1730 Fälle.

10 Prozent mehr Fälle von Kindsmisshandlungen meldeten 20 der insgesamt 31 Kinderkliniken in der Schweiz. Das sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass immer mehr Kliniken in immer mehr Kantonen auch bei häuslicher Gewalt involviert werden und den Zustand der anwesenden Kinder begutachten, sagt Markus Wopmann auf Anfrage von Radio Argovia. Er ist Chefarzt der Kinderklinik am Kantonsspital Baden und verantwortlich für die Statistik der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie.

Die Psychische Misshandlung steht mit Abstand an der Spitze der traurigen Rangliste, vor der körperlichen Misshandlung, der Vernachlässigung und dem sexuellen Missbrauch. Bei der Psychischen Misshandlung komme es immer wieder zu schlimmen Vorfällen, so Wopmann. «Kinder bekommen von ihren Eltern zu hören, dass sie nichts wert seien, dass sie Vollidioten seien. Oder vor wenigen Tagen hörten wir die Aussage eines Vaters: Zum Glück haben wir nach dir kein Kind mehr bekommen, sonst wäre es auch so ein Krüppel wie du geworden.»

Die Täter sind laut Statistik mehrheitlich männlich und über 18 Jahre alt. Ausserdem spielen sich die Kindsmisshandlungen in über 80 Prozent der Fälle innerhalb der Familie ab.

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

6 der 1730 registrierten Fälle werden dem sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom zugeschrieben. Eine seltene psychische Störung, die in den aller meisten Fällen bei Frauen - fast immer Mütter - vorkommt. Die Mütter verletzten ihre eigenen Kinder, bringen sie ins Spital, fordern von den Ärzten Untersuchungen oder sogar Operationen und pflegen danach ihre Kinder aufopferungsvoll wieder gesund. «Es ist sehr schwierig, MSS zu erkennen und die entsprechende Diagnose zu stellen, weil wir Ärzte grundsätzlich den Eltern glauben, wenn sie gesundheitliche Probleme ihrer Sprösslinge schildern», so Wopmann. Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom - woher kommt das? Wer ist Opfer, wer Täter? Argovia-Redaktor Urs Hofstetter mit den Antworten:

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom
Jetzt anhören

Urs Hofstetter

Argovia
Video Icon
Live
  • Argovia
    Argovia