Beitrag Abgang Javier Fandino
Personalentscheid

«Das Kantonsspital Aarau macht einen grossen Fehler»

Der überraschende und sofortige Abgang des Chefarztes Javier Fandino am Kantonsspital Aarau wirft Fragen auf. Nun wehrt sich ein Facharzt und Kollege. Der Entscheid habe grosse Auswirkungen auf die Patienten.

Philipp Taussky ist gebürtiger Basler und arbeitet seit über 10 Jahren in den USA. Er ist stellvertretender Chefarzt der Neurochirurgie an der Universität Utah, eine der grössten und angesehensten Neurochirurgischen Kliniken weltweit. Ein grosser Teil seiner Ausbildung als Neurochirurg hat er am Kantonsspital Aarau gemacht.

Er wehrt sich mit einem Brief gegen die Aufhebung des Arbeitsverhältnisses mit dem bekannten Neurochirurgen und Chefarzt am Kantonsspital Aarau. Javier Fandino wurde gemäss Taussky vom Kantonsspital KSA freigestellt. Ein grosser Fehler, schreibt Taussky in einem Brief an den Verwaltungsrat des Spitals. Der Brief liegt Radio Argovia vor.

Per sofort beenden Chefarzt Javier Fandino und das Kantonsspital Aarau die Zusammenarbeit. Die Gründe dafür bleiben unklar.
Foto: Aargauer Zeitung

Fandino ist nicht irgendein Arzt, sondern ein international bekannter Neurochirurge und der Leiter des Neurochirurgischen Zentrums am Kantonsspital in Aarau. Dank ihm hat das KSA einen Leistungsauftrag, den sonst meist nur Unispitäler erhalten. Wie weiter ohne das Aushängeschild? Leiden die Patienten im ganzen Mittelland? Philipp Taussky erklärt es im Interview mit Radio Argovia.

Radio Argovia: Wie war die Reaktion der Ärzte am KSA auf die Tatsache, dass der Chefarzt der Neurochirurgie, Prof. Dr. med. Javier Fandino, von heute auf Morgen nicht mehr am KSA tätig ist?

Philipp Taussky: Viele der Ärzte waren sehr schockiert und haben mich am selben Morgen kontaktiert. Auch für mich war es ein Schock. Patienten aus den Kantonen Aargau, Solothurn und der ganzen Zentralschweiz lassen sich am Neurozentrum am KSA behandeln, der Neurochirurge hat eine nationale und internationale Reputation. Nur eine Handvoll Chirurgen in der Schweiz haben das Know-How eines Javier Fandino.

Ist dieser Arzt also unersetzlich?

Es ist schwer, ihn zu ersetzen. Es gibt nicht viele Neurochirurgen, schon gar nicht in der Schweiz. Nach der Ausbildung dauert es nochmals zehn Jahre, bis man auf diesem Niveau ist. Er hat eine wissenschaftliche Erfahrung, die so nur sehr wenige Leute haben.

Haben Sie von Javier Fandino selbst gehört, was los ist?

Ich habe ihn angerufen und auf die Freistellung angesprochen. Mir ist nicht klar, was passiert ist, es kam offenbar zu einem Bruch zwischen Spital und Arzt.

Das spricht nicht unbedingt für das Spital, das einen so anerkannten Leiter des Kompetenzzentrums Neurochirugie freigestellt hat.

Deshalb habe ich den Brief geschrieben. Es geht mir wirklich um die Patienten. Das Einzugsgebiet des Neurozentrums am KSA ist sehr gross, etwa eine Million Menschen. Ohne Javier Fandino fehlt eine wichtige Person in der Betreuungskette, die Bevölkerung und die Patienten leiden unter der Situation. Deshalb habe ich dem Verwaltungsrat des Spitals den Brief gesandt. Die Spitalleitung soll die Situation nochmals überdenken. Ein Spital ist dafür da um Patienten zu betreuen. Das geht manchmal vergessen, wenn es um Geld, Macht und Kontrolle geht.

Philipp Taussky (rechts) bei einem neurochirurgischen Eingriff an der Universität Utah

Foto: Zur Verfügung gestellt

Verliert das KSA seine Stellung, seinen Leistungsauftrag, ohne den Neurochirurgischen Chefarzt?

Die hochspezialisierte Medizin ist in der Schweiz stark geregelt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Aarauer Spital den Leistungsvertrag als Spitzenmedizinzentrum ohne den Chefarzt, Javier Fandino, behalten kann. Wenn der Neurochirurgische Chefarzt fehlt, erhält es den Leistungsauftrag kaum wieder. Dieser wird sehr streng vergeben, nur an ganz wenige Spitäler.

«Im schlimmsten Fall müssten die Patienten von Aarau aus verlegt werden, nach Zürich, Bern oder Basel».

Mit dem Auftrag kann man schwere Fälle behandeln. Das KSA hat diesen Leistungsvertrag noch, auch weil Javier Fandino das Kompetenzzentrum aufgebaut hat. Fehlt dem KSA der Auftrag - das wird meines Wissens diesen Sommer entschieden - dann müssten die Patienten nach Zürich, Bern oder Basel verlegt werden. Das ist sehr kompliziert, weil diese Patienten nicht so einfach transportiert werden können. Viele sind schwer krank. Ich hoffe für die Patienten auf eine Lösung.

Geht es dabei auch um Geld?

Für ein Spital sind solche Patienten sehr profitabel. Sollte das KSA diese Patienten also in Zukunft nicht mehr behandeln können, würde sich das auch auf die Einnahmen bemerkbar machen. Ich denke deshalb, dass sich die Verantwortlichen es Kantonsspitals Aarau der Tragweite ihres Entscheides nicht bewusst sind, und sie verstehen vielleicht nicht im Detail, wie hoch reglementiert die Anforderungen sind und wie schwierig es deshalb ist, diesen Leistungsauftrag zu bekommen.

Das Gespräch führte Manuel Wälti.


Stellungnahme des Kantonsspitals Aarau

Die Medienstelle des Kantonsspitals Aarau hat auf die Fragen von Radio Argovia nur schriftlich Stellung genommen und zwar wie folgt:

Radio Argovia: Was hat zur Beendigung der Zusammenarbeit mit Javier Fandino geführt und wieso wurde diese per sofort beendet?

Kantonsspital Aarau: Wir haben gegenseitig vereinbart, keine weiteren Angaben zur Beendigung der Zusammenarbeit zu machen. Wir möchten aber betonen, dass keinerlei medizinische oder patientenbezogene Themen vorliegen.

Wurde Professor Fandino freigestellt, wie es aus seinem Umfeld heisst?

Wie bekannt gegeben, übernimmt Herr PD Dr. med. Serge Marbacher die Leitung der Klinik für Neurochirurgie bis die Nachfolge entschieden ist. Es ist üblich und für beide Parteien sinnvoll, dass man in einer Stellung als Chefarzt seine Funktion während der verbleibenden Dauer des Arbeitsverhältnisses niederlegt.

Die Neurochirurgie hat unter der Leitung von Prof. Fandino international eine hohe Anerkennung erworben. Professor Philipp Taussky befürchtet, dass das KSA mit dem Abgang von Herrn Fandino den Leistungsauftrag für hoch-spezialisierte Medizin im Bereich der zerebro-vaskulären Erkrankungen verlieren könnte. Stimmt das?

Nein, dafür gibt es zurzeit keine Anzeichen, wir teilen diese Ansicht nicht. Die Neurofächer bleiben weiterhin einen der strategisch wichtigen Schwerpunkte des KSA. Das KSA wird die strukturellen und fachlichen Anforderungen im Rahmen der bestehenden kantonalen und HSM-Leistungsaufträge auch weiterhin erfüllen.

Philipp Taussky befürchtet zudem, dass die medizinische Versorgung des Mitellandes für Patienten mit Hirnblutungen und Schlaganfällen nur noch ausserkantonal behandelt werden könnten. Was sagen sie dazu?

Die Versorgung der Bevölkerung ist gewährleistet. Das Team der Neurochirurgie wird weiterhin wie gewohnt zusammen mit den Neuroradiologen und Neurologen Schlaganfälle und Hirnblutungen auf höchstem Niveau behandeln.

Manuel Wälti