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Verhütung

60 Jahre Pille: Warum ein Katholik die Frauen bluten liess

Vor 60 Jahren kam die Pille auf den Markt. Erst wurde sie nur verheirateten Frauen verschrieben, dann gehypet, dann beargwöhnt und vom Kondom überholt. Neuester Trend: die Dauereinnahme. Denn die Blutungspause ist unnötig. Sie wurde erfunden, um dem Papst zu gefallen.

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Die Geschichte der Pille

Bei der oralen Kontrazeption wird normalerweise drei Wochen täglich eine hormonhaltige Pille geschluckt, um dem Körper eine Schwangerschaft vorzugaukeln. Das verhindert die Einnistung eines - vermeintlich weiteren - Eis. Danach wird die Hormongabe eine Woche unterbrochen und das «rote Blümchen» stellt sich ein. Dies ist aber keine echte Menstruationsblutung, sondern ein Symptom des Hormonentzugs. Beschwerden verursacht es aber genauso.

Fachleute sind sich inzwischen einig, dass die Entzugsblutung unnötig ist. Bei Frauen mit starken Beschwerden oder Wucherungen in der Gebärmutter ist sie sogar kontraindiziert, da die Hormone heilend auf diese Beeinträchtigungen wirken.

Plötzlich hatten alle Frauen Bauchweh...

Deshalb wurde die Verhütungspille «Enovid» ursprünglich (ab 1957) in den USA als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden vermarktet. Dass sie Schwangerschaften verhütet, stand verschämt unter «Nebenwirkungen» im Beipackzettel. Und seltsamerweise hatten plötzlich viel mehr Frauen Menstruationsbeschwerden als vor der Inverkehrsetzung der Pille.

Dass orale Kontrazeption eine gotteslästerliche Sache war, war allen Beteiligten klar. Gott erfand den Geschlechtsverkehr nicht zum Spass, sondern damit sich der Mensch fortpflanze. Und nur zu diesem Zwecke soll er ausgeübt werden, betonte Gottes Stellvertreter auf Erden.

Der Papst lässt sich nicht hinters Licht führen

Das stürzte den Erfinder der Pille, den Amerikaner Frank R. Colton, in ein Dilemma. Ihm ging es nicht um das Töten von Föten, sondern um die Befreiung von Frauen und die Entlastung der Unterschicht. Als Arzt hatte er hautnah miterlebt, welches Elend die pausenlose Abfolge von Schwangerschaften in die niederen sozialen Schichten brachte.

Allerdings war er ein strenger Katholik und verstiess für gewöhnlich nicht gegen päpstliche Verdikte. Also führte er im Pillenzyklus die Entzugsblutung ein: Wenn Schwangerschaftsverhütung dem natürlichen Menstruationszyklus ähnelte, würde der Papst schon ein Einsehen haben, dachte Colton.

Falsch gedacht, wie wir inzwischen wissen. Noch nicht einmal der gütige, slumerprobte Franziskus, der weiss Gott die Destruktivität ungebremster Vermehrung kennt, wagte, sich 1. Mose 1:22 «Seid fruchtbar und mehret euch» zu widersetzen.

Die Pille: eine Mutter und viele Väter

Die Pille verhindert zwar Vaterschaften, hat selber aber viele Väter. Der bekannteste ist der bulgarisch-österreichisch-amerikanische Chemiker Carl Djerassi, der für sich selber die Bezeichnung «Mutter der Pille» passender fand. Auch den Begriff «Antibabypille» mochte er nicht, da auch er der Meinung war, die Pille sei nicht gegen Babys, sondern für die Selbstbestimmung der Frau. Djerassi bereitete mit der Synthetisierung des Sexualhormons Norethisteron, einem Gestagen, die Pille vor.

Konkurrenz erwuchs ihm vom US-Physiologen Gregory Pincus, einem Günstling der stinkreichen Geburtskontrolle-Aktivistin Margaret Singer. Pincus gab nach Tests in Slums unter anderem auf Haiti dem von Frank B. Colton entwickelten Progestin Norethnodrel den Vorzug. «Enovid» wurde geboren. 1957 kam es in den USA als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden auf den Markt. Am 18. August 1960 ging es erstmals offiziell als Verhütungsmittel über den Ladentisch. In der Schweiz gelangte es im April 1961 in den Handel - Monate vor anderen Ländern Europas.

Auschwitz als Testgelände

Das Konzept der oralen Kontrazeption wurde freilich schon 1921 entworfen vom österreichischen Physiologen Ludwig Haberlandt. Er testete einen Impfstoff, der bei Kaninchen den Eisprung verhinderte. Haberlandt verstarb 1932, ohne dass ihm der Durchbruch für den menschlichen Gebrauch gelungen wäre.

Ein weiterer Vorläufer war der deutsche Gynäkologe Carl Clauberg, zu seiner Zeit ein weltweit führender Reproduktionsmediziner. Er schuf noch heute gültige Grundlagen der Fortpflanzungsmedizin. Aber er führte auch grausame Sterilisationsexperimente in Auschwitz durch. Clauberg entging 1957 in U-Haft durch einen Schlaganfall der irdischen Gerechtigkeit. Die wäre ihm wohl ohnehin nicht zuteil geworden, denn im zuständigen Landgericht Kiel sassen noch immer ehemalige Nazi-Richter.

Klöten versenken: Verhütung beim Mann

All diese Väter der Pille haben die Frau als Verhüterin des Lebens auserkoren. Logisch ist das nicht. Es wäre besser, mit Platzpatronen zu schiessen, als Schusswesten zu verteilen.

Verhütungsmittel für Männer gibt's sehr wohl, aber viele sind rein anekdotischer Natur. Da ist etwa Risug, eine Erfindung des Inders Sujoy Kumar Guha. Es handelt sich um ein Gel, das bei Bedarf in die Samenleiter gespritzt wird, wo es sich verdickt. Eine zweite Injektion nach erfolgtem Koitus verflüssigt die Substanz wieder.

Abwarten und Tee trinken lautet in der indonesischen Provinz Papua die Devise: Männer dort schwören auf die empfängnisverhütende Wirkung der Pflanze Justicia gendarussa.

Mehrere Methoden erwärmen die Hoden. Diese hängen nämlich im Freien, weil die Körpertemperatur zu hoch ist für die Spermien, bei 37 Grad machen sie schlapp. Experimente mit Ultaschall wurden abgebrochen. Noch im Gebrauch ist die französische Verhütungs-Unterhose, welche die Hoden an den zu warmen Körper drückt. Am einfachsten ist wohl das «Klöten versenken», das Schwenken der Hoden in mindestens 40 Grad heissem Wasser.

Es ist die einzige Methode, bei der Männer buchstäblich die Empfängnisverhütung ausbaden müssen.

Quelle: sda