Nostalgieflieger

Nach Flugzeugabsturz: Ju-Air darf keine Passagierflüge mehr durchführen

Die Ju-Air wird definitiv nicht mehr mit bezahlenden Passagieren abheben können. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) entzieht dem Verein mit seinen historischen Maschinen die Genehmigung für kommerzielle Passagierflüge. Weiterhin anbieten kann Ju-Air Passagierflüge für die Vereinsmitglieder im privaten Rahmen.

Nach dem Flugzeugabsturz mit 20 Toten im August 2018 greift der Bund durch: Die Ju-Air darf keine kommerziellen Passagierflüge mehr durchführen. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) habe die Risiken von Passagierflügen mit Oldtimern neu beurteilt und sei zum Schluss gekommen, dass ein kommerzieller Weiterbetrieb mit historischen Luftfahrzeugen die heutigen Sicherheitsanforderungen nicht mehr erfülle, teilt das BAZL mit. Deshalb werde dem Verein die Genehmigung entzogen.

Dieser Entscheid sei durch Fakten aus der laufenden Unfalluntersuchung gestützt. Zusätzlich werde sich die europäische Gesetzgebung für Oldtimer ab Mitte 2019 ändern und einen kommerziellen Betrieb nicht mehr zulassen.

Ju-52 bleiben vorerst am Boden

Allerdings darf die Ju-Air weiterhin für ihre Vereinsmitglieder im privaten Rahmen Passagierflüge anbieten. Die zwei Oldtimer des Typs Junkers Ju-52 der Ju-Air müssen aber vorerst am Boden bleiben. Diverse vom Bundesamt für Luftfahrt (BAZL) geforderte technische Massnahmen seien «noch nicht vollständig definiert und umgesetzt sind», wie es weiter in der Mitteilung heisst.

Da Flugzeuge wie die Junkers Ju-52 eine grössere Zahl von Passagieren befördern können, müssen sie technisch und operationell höhere Anforderungen erfüllen als kleinere Oldtimerflugzeuge. Erschwerend kommt bei den Ju-52 hinzu, dass es keinen Hersteller mehr gibt, der für die Aufrechterhaltung der Lufttüchtigkeit verantwortlich ist. «Das Bazl ist wie andere nationale Aufsichtsbehörden schon aus Ressourcengründen nicht in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen» heisst es. Die privaten Betreiber von grossen Oldtimerflugzeugen müssten sich daher entweder selbst dieses Fachwissen aneignen oder diese Aufgabe an einen externen Betrieb delegieren.

Bergungsarbeiten nach Ju-52-Absturz (5.8.2018)

Die Absturzstelle der Ju-52-Maschine liegt in unwegsamen Gelände am Piz Segnas oberhalb von Flims GR. Über das Gebiet wurde nach dem Absturz eine Flugsperre verhängt. Von der Unglücksstelle gibt es lediglich zwei Bilder von der Kantonspolizei Graubünden. Die Einsatzkräfte sowie sämtliches Material für die Bergung wird von Flims aus mit Helikoptern auf den Berg geflogen. Beim Absturz kamen 20 Menschen ums Leben.

Quelle: sda-Video

Bei Gründung der Ju-Air vor über 35 Jahren hatte das Bazl drei aus Schweizer Militärbeständen stammenden Oldtimern des Typs Junkers Ju-52 eine Betriebsbewilligung für kommerzielle Passagierflüge erteilt. Dabei wurden damals mehrere Ausnahmen für eine nationale Regelung gewährt.

Ju-Air: Sicherheit oberste Priorität

Die Ju-Air erklärte am Dienstag, die Weisung des Bazl bedeute für Flüge in der Schweiz keine wesentliche Änderung. Bereits heute seien fast 100 Prozent der Passagiere in der Schweiz Vereinsmitglieder. Für die Ju-Air geniesse die Sicherheit des künftigen Flugbetriebs oberste Priorität. Sobald die neuen Regelungen des Bazl im Detail vorlägen, werde man sie prüfen und dann sofort an die Umsetzung gehen.

Im Übrigen gebe es nach wie vor keine Hinweise darauf, dass eine technische Ursache zum Absturz der HB-HOT im August 2018 geführt hätte. Die im vergangenen November öffentlich diskutierten Schäden am Unfallflugzeug seien laut der Unfalluntersuchungsstelle Sust allesamt keinerlei Ursache für den Unfall.

«Ich habe einen Absturz für fast unmöglich gehalten» (7. August 2018)
Ju-Air-CEO Kurt Waldmeier ist zutiefst betroffen. Beim Absturz der Ju-52 am Samstagnachmittag kamen alle 20 Insassen ums Leben.

Quelle: AZ Medien Video Unit

"Keine sicherheitsrelevanten Mängel"

Für den Sommer 2019 sei vorgesehen, nur ein Flugzeug einzusetzen. Es handle sich dabei um die HB-HOS, welche seit November zusätzlich zur Jahreswartung auch umfassenden Korrosionsuntersuchungen unterzogen worden sei. Mit neuen, hochauflösenden Boroskopkameras hätten die Flügelholme und auch kleinste Hohlräume in Flügeln, Leitwerken und Rumpf ausgeleuchtet und untersucht werden können.

Ein auf Materialprüfung spezialisiertes Institut habe zusätzlich sämtliche Verbindungspunkte innerhalb der Flügel durchleuchtet. Die Analysen der Untersuchungen durch die Ju-Air und unabhängige, externe Experten stünden kurz vor dem Abschluss.

Die optischen und boroskopischen Untersuchungen, die Röntgenaufnahmen und die Expertisen von Materialwissenschaftlern und Experten für Strukturen und Motoren hätten bisher keine Hinweise auf sicherheitsrelevante Mängel beim Flugzeug HB-HOS ergeben.

Sofern keine solchen Mängel auftauchten, werde die Ju-Air beim Bazl ein Gesuch für den Flugbetrieb 2019 einreichen. Durch die Verzögerungen bei den Untersuchungen könne die Aufnahme des Flugbetriebs der HB-HOS aber nicht vor Ende Mai erfolgen.

Hier hebt «Tante Ju» wieder ab (17. August 2018)
Nach dem tragischen Absturz hat die Ju-Air nach fast zweiwöchiger Pause den Flugbetrieb wieder aufgenommen.

Quelle: AZ Medien Video Unit

Maschinen werden generalüberholt

Die Ju-Air habe die zusätzliche Untersuchungszeit dazu genutzt, die Generalüberholung der HB-HOS zu beginnen. Bis zur Wiederaufnahme des Flugbetriebs werde sie eine neue elektrische Verkabelung, ein überarbeitetes Cockpit, ein erneuertes Treibstoffsystem und eine neue Kabine erhalten. Im Jahr 2020 werde die Maschine dann in ihre Baugruppen zerlegt und die Flügel würden bei einem Spezialunternehmen generalüberholt.

Bei der Schwestermaschine HB-HOP werde dieses Prozedere bereits in diesem Sommer durchgeführt; sie sei schon im vergangenen November demontiert worden. Bis in einem Jahr werde sie wieder einsatztauglich sein und den Flugbetrieb 2020 sicherstellen.

Die zehn Jahre jüngere HB-HOY, ein Casa-Lizenzbau aus dem Jahr 1949, bleibe bis auf weiteres in Mönchengladbach (D) ausgestellt und werde vorerst nicht geflogen. Vertragliche Vereinbarungen liessen einen Abzug der jüngsten Maschine der Ju-Air im Moment nicht zu. Sobald die HB-HOY in die Schweiz geholt werden könne, werde auch sie generalüberholt.

Die Generalüberholung der Maschinen stehe in keinem direkten Zusammenhang mit dem Absturz der HB-HOT im vergangenen August, betont die Ju-Air. Sie sei eine Investition in die Sicherheit und die Werterhaltung der Flugzeuge. Die Tragödie und die darauf entstandene Unsicherheit über Ursachen und behauptete Mängel am Unfallflugzeug hätten die Ju-Air aber veranlasst, die Flugzeuge umfassend zu überholen.

20 Tote

Auf dem Rückflug von Locarno nach Dübendorf stürzte die knapp 80-jährige Maschine des Typs Junkers Ju-52 im vergangenen August über den Bündner Bergen bei Flims ab. Alle 20 Insassen – drei Besatzungsmitglieder und 17 Passagiere – kamen beim Unglück ums Leben. Die Maschine wurde vollständig zerstört. 

(sam/sda)

Quelle: CH Media 12.3.2019

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