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Lenzburg

Zwillinge von schwulem Paar abgelehnt: Jetzt spricht die Spielgruppenleiterin

Nach langem Schweigen äussert sich die Lenzburger Spielgruppenleiterin, die schweizweit Schlagzeilen machte. Sie nennt den Vorfall ein «Missverständnis».

Bis jetzt hat sie geschwiegen. Die Spielgruppenleiterin aus Lenzburg, die vor über einer Woche Schlagzeilen machte, weil sie die Zwillinge eines homosexuellen Väterpaars nicht in ihrer Gruppe aufnehmen wollte. Eine solche Familienkonstellation sei «weder normal noch natürlich», soll sie gesagt haben. Der «Lenzburger Bezirksanzeiger» machte das publik.

«Dass die Kinder wegen meiner sexuellen Orientierung nicht in eine Spielgruppe dürfen, hätte ich vielleicht in einem abgelegenen Bergdorf erwartet. Aber doch nicht in Lenzburg, mitten in der Schweiz», sagt Vater Roshan in der Schweiz am Wochenende.

Es folgte eine schweizweite Empörungswelle on- und offline, sogar eine von der Juso initiierte Demonstration in der Lenzburger Altstadt. Zu all dem äusserte sich die Spielgruppenleiterin nicht; auch nicht auf mehrfache Nachfrage der «Aargauer Zeitung» hin.

Jetzt, mehr als eine Woche nach dem ersten Artikel, meldet sie sich zu Wort. Ihren Namen möchte die Frau weiterhin nicht in der Zeitung lesen und sie kommuniziert nur schriftlich. Aber sie betont: «Alles basiert auf einem Missverständnis.»

«Habe nachgefragt, ob die Kinder eine Mutter haben»

Die Frau schildert den Ablauf der Geschehnisse so: «Ich habe am Morgen des 20. August eine Mail vom einen Vater erhalten. Er schrieb, sie suchten einen Platz für Zwillinge.» Zu diesem Zeitpunkt sei die Spielgruppe eigentlich schon voll gewesen.

Dennoch habe sie am Nachmittag mit dem Vater telefoniert und die Möglichkeit besprochen, die Kinder wenigstens einen halben Tag pro Woche aufzunehmen. «Da die Buben schon dreieinhalbjährig sind, hätten sie theoretisch in eine Gruppe der älteren und bereits sehr gut in der Spielgruppe integrierten Kinder hinzukommen können.»

Sie habe dem Vater noch ein paar Fragen gestellt. Bei einer dieser Fragen habe er geantwortet, da müsse er seinen Partner fragen. Erst da habe sie begriffen, wie die Familienkonstellation sei.

«Den Satz, mit dem ich immer wieder zitiert werde – dass solche Kinder weder normal noch natürlich seien – habe ich nicht so gemeint. Ich habe nachgefragt, ob die Kinder eine Mutter haben, worauf der Vater verneinte und mich fragte, ob das ein Problem sei. Ich habe geantwortet, dass es bisher in meiner Spielgruppe normal war, dass die Kinder ein Mami und einen Papi haben.»

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Quelle: TeleM1

Sie sei unsicher gewesen, wie sie mit Kindern homosexueller Eltern im Spielgruppenalltag umgehen solle und wollte das mit dem Vater der Buben besprechen: «Was, wenn ich in der Spielgruppe Geschichten über Kinder mit Mami und Papi erzähle – und die Zwillinge zwei Papis haben? Auch befürchtete ich, sie könnten deswegen von den anderen Kindern gehänselt werden, oder dass schwierige Fragen auftauchen.»

Erst danach habe der Vater erwähnt, dass die Kinder nur Englisch sprächen, das sei ihr bis dahin nicht klar gewesen. «Ich nehme mir gerne Zeit, fremdsprachige Kinder sprachlich zu fördern. Das benötigt aber besondere Aufmerksamkeit und ist in einer ohnehin schon vollen Gruppe nicht möglich. Kommt hinzu, dass ich selber nur ein paar Brocken Englisch spreche. Weil ich die Ressourcen nicht hatte, habe ich schliesslich abgesagt – und nicht, weil die Buben zwei Väter haben. Die Väter haben es aber wohl so aufgenommen, dass ich gegen homosexuelle Eltern bin.»

Auf die Frage, ob sie deutschsprachige Kinder eines schwulen Paares aufnehmen würde, sagt die Spielgruppenleiterin: «Ja, auf jeden Fall.» Und sie ergänzt: «Hätten die beiden Väter bereits im Frühling für einen Platz im Herbst angefragt, hätte ich ganz klar zugesagt.»

Spielgruppenleiterin erhielt Hass-Nachrichten

Die Spielgruppenleiterin hält fest, sie habe sich bei der Konfrontation mit den Vorwürfen durch den «Lenzburger Bezirksanzeiger» nicht richtig verstanden gefühlt. Nach diesem ersten Artikel habe man ihr geraten, nicht weiter mit der Presse zu sprechen. Dadurch konnte sie sich aber auch nicht erklären.

«Ich stand nach all den Dutzenden Berichten komplett unter Schock und konnte nicht glauben, was alles auf mich runterprasselt und wie in allen Zeitungen der Schweiz falsche Sachen über mich geschrieben werden. Die Spielgruppe ist mein Herzblut und plötzlich war alles zerstört. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen soll und habe mich abgekapselt. Auch aus Selbstschutz.»

Sie habe Hass-Nachrichten erhalten, erzählt die Frau weiter. «Unter anderem diverse böse Mails, in denen mir vorgeworfen wird, ich sei homophob. Einige Briefe dieser Art gingen an den Verband der Spielgruppenleiter.»

Auch auf Google habe sie viele schlechte Bewertungen erhalten. «Ein paar Mamis der Kinder meiner Spielgruppe haben sich zusammengeschlossen und positive Bewertungen verfasst, was sehr lieb von ihnen war. Ich musste den Google-Account aber trotzdem schliessen.»

Die Eltern ihrer Spielgruppenkinder hätten ganz unterschiedlich reagiert, berichtet die Leiterin. «Eine Mutter hat ihre Kinder aus der Spielgruppe genommen. Aber es gab auch schöne Reaktionen von Eltern, denen ich erklärt habe, wie alles abgelaufen ist. Sie sagten, sie hätten mich auch nicht so eingeschätzt, wie ich in der Öffentlichkeit dargestellt wurde, und haben mir den Rücken gestärkt. Das war schön.»

Quelle: Aargauer Zeitung