Foto: Colin Frei

Portrait Ständeratswahlen

Marianne Binder will zurück auf die nationale Bühne – und dort die Mitte stärken

Marianne Binder (61, CVP) sucht den Konsens – um diesen zu finden, will sie im Ständerat das politische Zentrum heterogener machen. Denn dieses sei mehr als nur das Ergebnis aus links und rechts.

Marianne Binder kennt Bundesbern. Acht Jahre lang hat sie die Kommunikationsabteilung der CVP Schweiz geleitet und ist im Bundeshaus ein und aus gegangen. 2012 wurde sie in den Grossen Rat gewählt und ein Jahr später hat sie ihre Anstellung in Bern aufgegeben.

Jetzt will sie zurück. Und zwar direkt in den Ständerat. «Es ist keine Voraussetzung für den Ständerat, zuerst im Nationalrat gewesen zu sein», sagt sie. Sie kenne den Ratsbetrieb und sei in Bern sehr gut vernetzt. Schafft die Badenerin die Wahl, ist sie dort in guter Gesellschaft. Denn die CVP ist im Ständerat die Partei mit den meisten Vertreterinnen und Vertretern.

Zweiten Sitz für die CVP zurückholen

Wenn Marianne Binder nicht politisiert oder ihrem Beruf als Kommunikationsberaterin nachgeht, spielt sie gerne Theater. «Das hat wahrscheinlich auch mit meiner Leidenschaft für Politik zu tun», meint die 61-Jährige. «Politiker müssen ein bisschen wie Schauspieler funktionieren. Treten sie nicht gerne öffentlich auf, sind sie in der falschen Sparte.»

Sie liebe es, mit Menschen zu sprechen, und sie misst und streitet sich gerne auf Podien mit anderen. Zentral sei jedoch immer der Inhalt. Und der stimmt für Binder bei der CVP.
Dass sie diese als ihre Partei gewählt hat und sich seit jungen Jahren für sie engagiert, sei sicher nicht zuletzt familiär bedingt, sagt Marianne Binder.

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Quelle: Eva Berger

Ihr Vater Anton Keller sass von 1979 bis 1995 für die CVP im Nationalrat, ihr Schwiegervater Julius Binder wurde im gleichen Jahr Ständerat und war bis 1987 für die Aargauer CVP im Stöckli. Damals waren die Christdemokraten in der Parteienlandschaft bestimmend, allein die CVP Aargau schickte vier Nationalräte und einen Ständerat nach Bern.

Aktuell ist Ruth Humbel noch die einzige Aargauer Vertreterin der CVP in Bundesbern. «Der Verlust einer starken Mitte verändert die Schweiz. Das bedauere ich, denn die Extreme sind uns eigentlich fremd», sagt Binder. Das sei der Grund, warum sie neben dem Ständerat auch noch für den Nationalrat kandidiert. Sie will den zweiten CVP-Sitz im Nationalrat zurückzuholen und die Partei im Ständerat stärken.

Mit der Mitte die Konkordanz erhalten

Die CVP ist längst nicht mehr die einzige Partei, die sich in der Mitte ansiedelt. Für Binder ist das nicht unbedingt ein Vorteil: Die ‹neuen› Parteien BDP und GLP würden die politische Mitte heterogener machen, diese sei so weniger resistent für den geballten Druck der Polparteien. «Wir müssten mehr zusammenarbeiten, um das politische Zentrum zu stärken», findet sie.

Sie versteht dabei die Mitte nicht als ein Ergebnis aus links und rechts, sondern als eigenständige Positionierung, die versucht, den Ausgleich zu finden, und es so schafft, immerhin zirka 40 Prozent der Wählerschaft zu überzeugen. «Wir sind nicht gemacht für ein Regierungs- und Oppositionssystem.» Das Schweizer Modell sei deswegen weltweit einmalig und die Mitte für die Konkordanz massgebend, «es hält die Schweiz zusammen».

Mehr Eigenverantwortung bei der Gleichberechtigung

Das «C» im Namen der Christlichdemokratischen Volkspartei sei Identität und Marke, sagt Marianne Binder. «Es ist ein politisches C, wir sind nicht die Kommunikationspartei des Vatikans.» Es bedeute Freiheit, gleiche Rechte und Solidarität – wenn schon, dann also urchristliche Werte.

Dennoch haftet der Partei etwas konservatives an. Marianne Binder steht dazu: «Ja, so gelangte auch der Umweltartikel dank der CVP in die Verfassung. Das ist eine konservative Tat. Es geht um die Bewahrung der Umwelt auch für unsere Kinder. Konservativ ist nicht das Gleiche wie rechts.» So befürworte sie die Ehe für alle, wie schon früher das Partnerschaftsgesetz, engagiert sich für die Gleichberechtigung und seit Jahren für einen grösseren Frauenanteil in der Politik.

Jedoch nicht vorbehaltlos. «Meine Kritik an der aktuellen Frauenbewegung ist, dass sie die Problematik der Frauen in Parallelgesellschaften unterschätzt und zu wenig thematisiert», sagt sie, «ich poche zudem auf mehr Eigenverantwortung.»

Ihre langjährige Erfahrung zeige, dass es nicht immer einfach war, Frauen für die Politik zu motivieren. «Man kann deshalb nicht einfach nur den Männern die Schuld daran geben, wenn Frauen untervertreten sind.» Was es aber aus ihrer Sicht ganz klar brauche, seien viel bessere familienergänzende Betreuungsangebote, sodass die Familiengründung für Frauen kein Karrierekiller ist.

Marianne Binder hat selber zwei erwachsene Kinder und ist im Dezember zum ersten Mal Grossmutter geworden. «Ich habe mich eine Weile lang stark auf die Familie konzentriert. Es ist nicht für alle Frauen selbstverständlich, Familie und Karriere unter einen Hut bringen zu können.» Hier stünden aber auch die Väter in der Pflicht, sich vermehrt in die Familienarbeit einzubringen, ist Marianne Binder überzeugt.

Für sie persönlich sei Gleichberechtigung immer selbstverständlich gewesen. Als einzige Schwester von drei jüngeren Brüdern habe sie in ihrer Kindheit keinen Sonderstatus gehabt. «Meine Brüder haben genauso im Haushalt geholfen, wie ich auch. Meine Eltern machten da keinen Unterschied.»

Sie hat Freude an den «Klimakindern»

Ein weiteres Wahlkampfthema ist in diesem Jahr der Klimaschutz. Die CVP wird bei diesem Thema jedoch wenig wahrgenommen. Marianne Binder sieht das etwas anders. «Wir arbeiten glaubwürdig an umsetzbarer Klimapolitik und müssen deshalb nicht wie andere wilde Pirouetten drehen, nur weil Wahlkampf ist. Wo die anderen sind, waren wir schon vor vierzig Jahren», erklärt sie.

Foto: Vimentis

Die «Klimakinder» machen ihr Freude, «ich verzeihe ihnen auch eine gewisse Widersprüchlichkeit». Schliesslich hätten diese mitbewirkt, dass das CO2-Gesetz der ehemaligen Bundesrätin Doris Leuthard, das im Nationalrat «zum Leidwesen der CVP» versenkt wurde, im Ständerat durchkommen wird.

«Politik ist die Kunst des Machbaren», sagt Binder. «Ich hoffe nicht, dass jetzt die Kreise, die mit einer extremistischen politischen Agenda auf den Klimazug aufspringen, der Schülerbewegung schaden werden.»

Eva Berger

Quelle: Schweiz am Wochenende 6.9.2019

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