Regierungsratswahlen

Gesundheit war für Jeanine Glarner schon in der Kindheit ein grosses Thema

Jeanine Glarner (FDP) ist Tochter eines Arztes und möchte Aargauer Regierungsrätin werden – Was sie mit den Kantonsspitälern machen würde und weshalb sie trotz ihres jungen Alters gute Chancen habe.

Jeanine Glarner (35) ist mit Abstand die jüngste der Kandidierenden, die die Nachfolge von Gesundheitsdirektorin Franziska Roth antreten wollen. Glarner hat an der Universität Zürich Allgemeine Geschichte, Wirtschaftswissenschaften und Schweizer Geschichte studiert und 2010 mit dem Lizenziat abgeschlossen.

Danach arbeitete sie mehrere Jahre in der Kommunikation für Swissgrid in Frick und Laufenburg. Seit zweieinhalb Jahren ist sie beim Schweizerischen Ärzteverband in Bern in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit tätig.

Politisch schon früh aufgefallen

Politisch ist sie als Präsidentin der Aargauer Jungfreisinnigen schon früh aufgefallen – mit der Staatskunde-Initiative. Damit platzten die Jungpolitiker in die schwierige Entstehungsphase des Lehrplans 21. Nach langem Hin und Her fand man eine Lösung für das berechtigte Staatskundeanliegen.

Da war Glarner längst FDP-Grossrätin. Seit 2018 ist sie auch Gemeinderätin in Möriken-Wildegg. Im Grossen Rat wird sie als Energie-, Bildungs- und Ordnungspolitikerin wahrgenommen. Sie hat auch Vorstösse zur Milizthematik-, zur Digitalisierung oder zur Versteigerung tiefer Nummernschilder der Kantonsverwaltung eingereicht. Bei deren Versteigerung nahm der Kanton übrigens mehrere hunderttausend Franken ein. Glarner ist also thematisch sehr breit aufgestellt.

Aargauer FDP nominiert Jeanine Glarner für Regierungsratswahl
Die FDP Aargau will mit Grossrätin Jeanine Glarner erstmals seit 18 Jahren einen zweiten Sitz in der Kantonsregierung erobern. Die FDP-Delegierten nominierten die 35-Jährige am Mittwochabend in Aarau. Glarner setzte sich parteiintern gegen einen Mann durch.

Quelle: Eva Berger

Interesse am Gesundheitswesen zum Beruf gemacht

Aber ist sie eine Gesundheitspolitikerin? Würde ihr also das DGS liegen? Gewiss, entgegnet Glarner bestimmt. Als Tochter eines klassischen Dorfmediziners sei das Gesundheitswesen für sie seit der Kindheit ein grosses Thema, für das sie sich schon immer interessierte. Mit ihrer Tätigkeit beim Ärzteverband sei es inzwischen quasi zum Beruf geworden.

Zudem ist sie Stiftungsrätin der Klinik für Suchttherapie. An mehreren gesundheitspolitischen Vorstössen arbeite sie schon länger stark mit, sagt Glarner. Deswegen sei sie prädestiniert für das DGS. Sie wäre aber auch für ein anderes Departement angetreten: «Ich bin keine Einthemenpolitikerin.»

Am DGS würde ihr gefallen, dass die Themen wie bei der Energie hochkomplex sind: «Das liegt mir. Ich gehe gern echte Herausforderungen an und suche gemeinsam mit anderen Lösungen.» Zudem hat ihr die Tätigkeit im Gemeinderat in Möriken-Wildegg gezeigt, dass ihr Exekutivarbeit liegt: «Ich höre in einer Sache erst die Mitarbeitenden an, wäge ab, entscheide dann, und stehe dafür auch in der Öffentlichkeit gerade», sagt Glarner.

Sie zielt nie auf den Mann oder die Frau

Glarner ist überzeugt, dass sie mit ihrer Art – es ist augenscheinlich sehr schwer, sie aus der Fassung zu bringen – wieder die nötige Stabilität, Ruhe und Vertrauen ins DGS hineinbringen kann: «Das ist vordringlich.» Glarner politisiert am rechten Flügel der FDP.

Ihre Politik hat ihr im Grossen Rat kürzlich gar ein dickes Lob von SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati eingetragen. Er ist jetzt einer ihrer Konkurrenten im Ringen ums DGS. Glarner fällt im Rat als Sachpolitikerin auf. Sie zielt nie auf den Mann oder die Frau. Als konsensorientierte Politikerin liegt ihr Polemik fern.

Im Asylbereich – der auch zum DGS gehört – sei der Handlungsspielraum auf kantonaler Ebene klein, stellt Glarner nüchtern fest. Den Bau einer Asyl-Grossunterkunft findet sie derzeit nicht dringlich. Sie glaubt aber, dass man einen Standort finden wird: «Wichtig ist, miteinander zu reden, und klare Rahmenbedingungen abzumachen, damit die betroffene Gemeinde damit leben kann.»

Nachfolge Franziska Roth: Das sind die Regierungsratskandidatinnen und -kandidaten:

«Ich leiste regelmässig Führungsarbeit»

Die vorherige DGS-Amtsinhaberin Franziska Roth war wegen ihrer Führungsarbeit heftig in der Kritik. Führungserfahrung etwa aus einem Konzern kann Glarner nicht vorweisen: «Ein grösseres Team habe ich tatsächlich noch nie geführt.

Hingegen leiste sie regelmässig Führungsarbeit, etwa für das Zustandekommen einer Initiative, bei Sachfragen, in Abstimmungskämpfen: Da habe ich gezeigt, dass ich motivieren und führen kann, eine Teamplayerin bin und mich durchsetzen kann.» Sie kandidiere auch, weil sie den Aargau und die hier lebenden Menschen gern habe, betont Glarner.

Den Einwand, mit 35 Jahren sei sie noch recht jung, erledigt sie mit dem freundlichen Hinweis auf die eben erst erfolgte Wahl des 33-jährigen Martin Neukom in die Zürcher Kantonsregierung. Ihr politischer Rucksack und ihr Einsatzwille für einen prosperierenden Kanton Aargau seien doch entscheidend. Und der ist schon gut gefüllt.

Allerdings denken in Glarners Alter viele über eine Familiengründung nach. Es sei tatsächlich ein Abwägen zwischen Familie und politischer Karriere, sagt Glarner. Sie entscheidet sich für Letzteres, weil sie ungebunden und Familie daher aktuell ohnehin kein Thema ist. Sollte sie gewählt werden, wäre es für sie kein Problem, auch Teilzeitarbeitenden (ab 60 Prozent) Führungsposten zu geben.

Eine Frau würde dem Kollegium gut anstehen

Was würde sie mit den Kantonsspitälern machen? Dass der Kanton hier viele Hüte trägt – als Eigentümer, Auftragvergeber, Besteller, Zahler, Dividendenempfänger usw. – ist für Glarner ein Problem. Eine (Teil-)Privatisierung würde sie unbedingt diskutieren wollen. Man könnte Volksaktien verkaufen, schlägt sie vor.

Hat sie als – politisch gut vernetzte und über die Fraktion hinaus akzeptierte – Politikerin als Frau einen Vorteil? Sie sei kein Fan dieser Debatte, sagt Glarner. Der oder die Fähigste müsse gewählt werden. Sie findet aber schon, eine Frau (und auch mehr) würde dem Kollegium gut anstehen.

Glarner ist hart im Nehmen. Das zeigt sie auch als einsatzfreudiger Captain des FC Grossrat. Sollte sie in die Regierung gewählt werden, hat sie aber nur wenig Zeit, sich zu profilieren. Schon 2020 folgt die Gesamterneuerungswahl in die Regierung. Glarner schreckt das nicht: «Wer nicht bereit ist, dieses Risiko einzugehen, bleibt stehen und erreicht nichts.» Sie ist bereit, das Risiko einzugehen.

Mathias Küng

Quelle: Aargauer Zeitung 16.9.2019

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