Foto: Alex Spichale

Regierungsratswahlen

Doris Aebi: Die Frau, die Kandidaten prüft, bewirbt sich nun selber beim Volk

Doris Aebi sucht als Headhunterin Personen für Spitzenjobs – jetzt will sie für die GLP in den Regierungsrat.

Doris Aebi ist der überraschendste Name unter den Regierungsrats-Kandidierenden im Aargau. Die 54-jährige Headhunterin und langjährige Migros-Vizepräsidentin ist in Wirtschaftskreisen bekannt – dass sie als Regierungsratskandidatin antritt, hätte aber kaum jemand erwartet.

Doch es gibt familiäre Bande zwischen Doris Aebi und den Aargauer Grünliberalen, die sie als Kandidatin anfragten: Philippe Kühni, ein Sohn aus erster Ehe von Aebis Mann René Kühni, ist Wahlkampfleiter der GLP im Kanton.

«Ich war schon länger Sympathisantin der GLP und habe ihr in den letzten Jahren immer meine Stimme gegeben», sagt Aebi. Die Partei entspreche ihr: «Ich vertrete das liberale Gedankengut in Verbindung mit ökologischer und sozialer Verantwortung.»

Ihre politischen Wurzeln hat die Tochter eines Bähnlers aus Walchwil ZG in der SP. Politisiert worden sei sie 1983, nach der Nichtwahl von SP-Kandidatin Lilian Uchtenhagen, die als erste Frau in den Bundesrat wollte, sagt Aebi rückblickend. Im selben Jahr schrieb sie ihre Maturarbeit über Frauen in der Schweizer Politik. «Dass ich als junge Frau der SP beitrat, war damit naheliegend.»

Zehn Jahre später wurde Aebi für die SP in den Solothurner Kantonsrat gewählt, wo sie zwei Legislaturen lang sass. «Ich war immer wieder mal im Clinch mit meiner Partei, weil ich dem wirtschaftsliberalen Flügel angehöre», sagt sie heute.

Mit ihrem Umzug in den Kanton Aargau vor 20 Jahren trat Aebi aus der SP aus und war danach längere Zeit parteiunabhängig. Heute lebt Doris Aebi in Schöftland, wo ihr Mann die örtliche FDP präsidiert. Dass sie 1997 im Kanton Solothurn mit einer Kandidatur für den Regierungsrat scheiterte, sieht die Kandidatin im aktuellen Wahlkampf im Aargau nicht als Nachteil.

«Ich war damals als 32-Jährige im ersten Wahlgang auf Platz 5, dann wechselte die CVP für den zweiten Wahlgang das Pferd», erinnert sie sich. Aebi fiel hinter den sehr bekannten Parteipräsidenten und Nationalrat Walter Straumann zurück und verpasste die Wahl.

Arbeit im Fachhochschulrat mit dem Regierungsrat vergleichbar

Aebi ist Headhunterin, sucht Führungskräfte und ist sich den Umgang mit Anforderungsprofilen gewohnt. Was müsste eine Aargauer Gesundheitsdirektorin aus ihrer Sicht mitbringen?

«In dieser Position müssen Sie nicht nur 400 Personen führen, sondern auch anspruchsvolle Verhandlungen mit starken Interessenvertretern.» Deshalb seien breite, langjährige Erfahrung aus Wirtschaft und Politik sowie die Unabhängigkeit von Akteuren im Gesundheitswesen wichtig.

Nachfolge Franziska Roth: Das sind die Regierungsratskandidatinnen und -kandidaten:

Aebi ist sich bewusst, dass es als Regierungsrätin nicht nur Aufgaben zu lösen gibt, mit denen sie beruflich vertraut ist. Sie wehrt sich aber dagegen, dass die Präsidenten von FDP und SVP versuchen, ihr das Etikett der politisch unerfahrenen Quereinsteigerin zu verpassen.

Aebi, die schon bürgerliche Bundesräte beraten und für zahlreiche Spitzenjobs geeignete Personen gesucht hat, entgegnet auf die Kritik von Lukas Pfisterer und Thomas Burgherr: «Ich war in den letzten Jahren im Fachhochschulrat Nordwestschweiz tätig, wo es wie im Regierungsrat darum geht, mehrheitsfähige Vorschläge zu präsentieren und Leistungsaufträge zu erarbeiten.»

Auch die Aussage der ehemaligen Regierungsrätin Susanne Hochuli, es brauche als Ersatz von Franziska Roth zwingend jemanden mit profunden Kenntnissen des Aargauer Gesundheitswesens, kontert die Grünliberale: «Ein Regierungsrat muss selber nicht Fachexperte sein, sondern mit diesen und den Anspruchsgruppen gemeinsam getragene Lösungen erarbeiten.»

Auf die Frage, ob das fünfte Regierungsmitglied neben den vier bisherigen Männern eine Frau sein müsse, sagt Aebi: «Frau sein allein genügt nicht.» Entscheidend sei vielmehr die Erfüllung des Anforderungsprofils. Wenn es mehrere Personen mit denselben Qualifikationen gebe, sei es für die Regierung besser, wenn am 20. Oktober eine Frau gewählt werde.

«Rekrutierung von Claude Béglé als Post-Chef war kein Fehler»

Als wichtige politische Aufgabe sieht Aebi die gesundheitspolitische Gesamtplanung. «Dafür würde ich Anliegen und Interessen der Akteure im Aargauer Gesundheitswesen abholen», kündigt sie an.

Dies umfasse zum Beispiel Gespräche mit Spitalleitungen, Vertretern der Ärzte, Apothekern und der Spitex. «Aber auch der Einbezug der Gesundheitskommis-
sion des Grossen Rats und die Vernetzung mit anderen Kantonen und Bundesbern sind wichtig», hält sie fest.

Nach ihrer Nomination am GLP-Parteitag sagte Aebi im Interview mit der AZ, sie hoffe aufgrund ihrer liberalen Haltung auf eine Empfehlung von CVP, EVP und BPD. Nun unterstützt die EVP offiziell den Grünen Severin Lüscher, CVP und BDP verzichten im ersten Wahlgang auf eine Empfehlung.

«Mir haben verschiedene Vertreter dieser Parteien ihre Unterstützung zugesagt», sagt Aebi. Dass bei offiziellen Empfehlungen der Parteien wahltaktische Überlegungen eine Rolle spielten, sei nachvollziehbar.

Aebi stand wegen ihrer beruflichen Tätigkeit im Fokus der Medien, so hat sie zum Beispiel 2009 Claude Béglé als neuen Post-Chef rekrutiert. Ein Jahr später trat Béglé zurück, inzwischen ist er CVP-Nationalrat und hat diesen Sommer mit Tweets über Nordkorea für Irritationen gesorgt.

War die Empfehlung von Béglé als Post-Chef ein Fehler von Aebi? «Nein, damals wurde eine Person mit dem Profil gewünscht, das Herr Béglé aufweist. Ich habe meinen Auftrag erfüllt, das hat auch der damalige Bundesrat Leuenberger öffentlich gesagt.»

Aebi sass von 1990 bis 1994 auch im Bankrat der Solothurner Kantonalbank, als es dort zum Crash kam. «Das ist korrekt, gegen mich gab es aber kein Strafverfahren und Protokolle zeigen, dass ich der Übernahme der Bank in Kriegstetten, die zur Schieflage der Kantonalbank führte, kritisch gegenüberstand», sagt sie rückblickend.

Fabian Hägler

Quelle: Aargauer Zeitung 17.9.2019

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