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Alle zwei Jahre ein neues Smartphone?

Immer das neueste und beste Handy – so handhaben es viele. Umweltschützer fordern jetzt Massnahmen. Diese würden alles nur noch schlimmer machen, heisst es aus Wirtschaftskreisen.

Wir lieben unser Smartphone. X-Mal am Tag nehmen wir es hervor, widmen unsere Aufmerksamkeit ganz ihm, streicheln mit unserem Daumen sachte über den Bildschirm.

Doch die Liebe ist vergänglich. Bereits nach wenigen Jahren landet unsere einstige Liebste im Müll, in einer dunklen Schublade oder im besten Fall auf einer Abgabestelle. Denn wir haben jetzt eine Neue – ein neues Smartphone.

3.2 Millionen Smartphones haben die verschiedenen Anbieter alleine im letzten Jahr in der Schweiz verkauft, 100'000 weniger als 2016. Samsung, Apple und Co. profitieren dabei von den häufigen Gerätewechseln. So zeigt der neueste Jamesfocus-Bericht der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Swisscom, dass Jugendliche ihr Handy bereits nach zwei Jahren ersetzen. Ausschlaggebend ist oft der Wunsch nach einem neueren, besseren Modell.

Die kurze Lebensdauer der Smartphones lässt sich aber nicht nur mit dem Drang nach immer neuen Geräten erklären. Teilweise hat man auch keine andere Wahl, als sich ein neues anzuschaffen. Nämlich dann, wenn der Hersteller kein neues Update mehr anbietet, es keine Ersatzteile mehr gibt oder das Gerät sich nur schwerlich reparieren lässt.

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Das muss aufhören, meint die deutsche Umwelthilfe, die sich in einer Studie intensiv mit dem Thema Smartphone-Schrott auseinandergesetzt hat und jetzt zwei Forderungen an die Politik stellt.

1) Update-Gesetz

Anbieter sollen per Gesetz verpflichtet werden, die Geräte während mindestens sieben Jahren mit Software-Updates zu versorgen. «Auch Ersatzteile müssen für den Zeitraum zu verhältnismässigen Kosten verfügbar sein», sagt Barbara Metz von der Deutschen Umwelthilfe zur deutschen «Tageszeitung», kurz taz

2) Pfandgebühr

Eine Pfandgebühr soll eingeführt werden, die beim Kauf eines neuen Geräts erhoben wird. Bringt der Käufer sein gebrauchtes Smartphone Jahre später dem Anbieter wieder, erhält er den Betrag zurück. Ziel: Das Handy soll nicht im Müll landen, sondern wiederverwertet werden.

«Das sind vernünftige Vorschläge», sagt Regula Rytz, Nationalrätin und Präsidentin der Grünen. Sie will in der Schweiz einen ähnlichen Weg einschlagen und in der Frühlingssession entsprechende Vorstösse einreichen.

Es sei absolut nötig, dass die Politik den Druck erhöhe. «Die Wegwerfmentalität bei den Smartphones ist sehr bedenklich. Oft werden die Konsumenten von den Anbietern durch einen Update-Stopp dazu gezwungen», sagt Rytz, die selber mittlerweile bei Handy Nummer 3 angelangt ist. «Viele wissen nicht, dass die Herstellung dieser Geräte zu einer enormen Umweltzerstörung führt.» Das Recycling der Wertstoffe muss, so Rytz, gefördert werden.

Mit einem Vorstoss hat die Grünen-Nationalrätin vor ein paar Jahren versucht, die Bundesverwaltung dazu zu bringen, nur noch ökologisch hergestellte Smartphones einzukaufen. Ohne Erfolg.

«Die kurze Lebensdauer von Smartphones ist tatsächlich ein grosses Problem», so Thomas Mäder von der Umweltorganisation Greenpeace Schweiz. «Für den Bau von Smartphones werden Edelmetalle wie Gold und Silber und sogenannte Seltene Erden verwendet, die besondere leitende Eigenschaften besitzen.» Sie abzubauen sei aufwendig, «unter anderem kommt dabei gesundheitsgefährdende Chemie zum Einsatz».

Zu den Vorschlägen aus Deutschland sagt er: «Greenpeace unterstützt alle Massnahmen, die zu einer Verbesserung des Problems führen.» Es sei aber schwer zu sagen, welche Massnahmen die zielführendsten seien.

Für Jean-Marc Hensch, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands für die digitale Schweiz (Swico), steht fest: Die Depot-Pflicht ist alles andere als zielführend. Er spricht vom Kobra-Effekt – von einer Massnahme, die getroffen wird, um ein Problem zu lösen, es aber in Tat und Wahrheit verschärft.

Heute betrage der vorgezogene Recyclingbeitrag pro Handy 10 Rappen, was ausreiche, um die Logistik und die fachgerechte Entsorgung zu finanzieren. Hensch ist aber überzeugt: Ein allfälliges Depot müsste hoch sein, damit es wirkt. «Dies würde aber zum Missbrauch einladen, in dem massenweise Geräte aus Ländern ohne Depot in die Schweiz verschoben würden.» Zudem würden Studien zeigen, dass nur extrem wenige Handys im Hauskehricht ihr Ende finden.


Auch die Update-Pflicht beruhe auf einer Fehlüberlegung, sagt der Swico Geschäftsführer: Zwar zeigen Zahlen der Swico, dass die Erstnutzung tatsächlich nur zwei Jahre dauert. Doch danach wird das Smartphone meist von anderen weiterbenutzt. «Ein Handy wird erst rund sechs Jahre nach dem Erstverkauf bei uns auf den Sammelstellen abgegeben.»

Zudem: «Die Bestimmung dünkt mich auch deshalb unvernünftig, weil die Technologiezyklen zum Teil sehr kurz sind», sagt Hensch. Von einem Hersteller zu verlangen, dass er das Betriebssystem der nächsten 7 Jahre antizipiert, sei unrealistisch und sicher auch kostenmässig nicht abbildbar.

Für Greenpeace ist es zu einfach, jetzt nur die Anbieter in die Pflicht zu nehmen. Die Umweltorganisation nimmt auch die Konsumenten in die Verantwortung. «Die erste Frage vor jedem Kauf sollte immer sein: Brauche ich das Gerät wirklich?», sagt Mäder. «Eine ehrliche Antwort kann helfen, die Umwelt zu schützen.»

 

Marius Füglister

Quelle: watson.ch 25.1.2018

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